EU-Verordnung

Digitaler Produktpass: Was Unternehmen jetzt tun müssen

DPP-Lösung für den Schuhhersteller Stefano Bemer (Bild: Stefano Bemer/Narravero)
DPP-Lösung für den Schuhhersteller Stefano Bemer

26.01.2026 - Rohstoffherkunft, CO2-Werte, Recyclingquoten: Der Digitale Produktpass zwingt Unternehmen zur Transparenz. Der mittelständische Lötmittelhersteller Stannol zeigt, warum frühes Handeln strategische Vorteile bringt.

von Christian Gehl

Der Digitale Produktpass (DPP)   gilt als eines der zentralen Instrumente der europäischen Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsstrategie. Ab Februar 2027 wird er nach und nach für zahlreiche Produktkategorien nötig, beginnend mit Industriebatterien und bis 2030 gefolgt etwa von Bekleidung, Reifen, Aluminium, Spielzeug, Möbel und Zement - wobei vielfach die exakten Spezifikationen noch ausstehen. Während die meisten Unternehmen laut einer aktuellen Studie   der Softwarefirma Forterro   gar nicht wissen, was mit dem Digitalen Produktpass auf sie zukommt, hat sich der mittelständische Lötmittelhersteller Stannol   bereits frühzeitig auf den Weg gemacht, produktbezogene Informationen systematisch zu digitalisieren, zusammenzuführen und kundenindividuell bereitzustellen.

Der Digitale Produktpass ist eine Querschnittsaufgabe

Der Digitale Produktpass (DPP) ist kein isoliertes IT-Projekt, sondern greift tief in bestehende Daten- und Organisationsstrukturen ein. Er bündelt Produkt-, Fertigungs- und Unternehmensdaten, die in vielen Betrieben bislang fragmentiert oder analog vorliegen. Wie schnell ein Unternehmen einen DPP umsetzen kann, hängt daher maßgeblich vom bestehenden Digitalisierungsgrad ab. Wer bereits mit strukturierten Produktinformationssystemen arbeitet, liegt schon mal weit vorn. Unternehmen hingegen, deren Daten in Insellösungen oder gar einzelnen Dateien liegen, müssen zunächst grundlegende Voraussetzungen schaffen. Der DPP wirkt damit wie ein Lackmustest für den digitalen Reifegrad von Unternehmen. Er zwingt sie dazu, Datensilos aufzubrechen und Informationen konsistent verfügbar zu machen - nicht nur für regulatorische Zwecke, sondern auch für interne Prozesse.

Dabei zeigt sich schnell: Der DPP ist weniger ein IT-Projekt mit festem Enddatum als vielmehr ein fortlaufender Transformationsprozess. "DPPs sind für mich ein dynamischer Prozess, das ist nichts, was irgendwann abgeschlossen ist", sagt Ingo Lomp , Prokurist und verantwortlich für den Innovationsbereich bei Stannol. "Das ist etwas, was immer ein bisschen angepasst und korrigiert werden muss."

Mittelständler mit globaler Lieferkette

Stannol ist ein traditionsreicher Hersteller von Elektronikloten, Flussmitteln und ergänzenden Produkten für die Verbindungstechnik. Das Unternehmen existiert seit 1879 und beschäftigt heute rund 120 Mitarbeitende. Mit einem Jahresumsatz von etwa 40 Millionen Euro zählt Stannol zum klassischen industriellen Mittelstand, der weltweit namhafte Kunden aus der Elektronikfertigung beliefert, darunter Automobilzulieferer und internationale Konsumgüterhersteller. "Wir sind immer nur das kleine bisschen Lot, was auf den Leiterplatten drauf ist", beschreibt Lomp die Rolle des Unternehmens im globalen Elektronikmarkt. Gerade diese scheinbar kleine Komponente rückt jedoch zunehmend in den Fokus von Nachhaltigkeits-, Herkunfts- und Compliance-Fragen.

Menge, Varianten, Sortimente - warum nicht jeder DPP gleich ist

Nicht jedes Produkt erfordert denselben Aufwand beim Digitalen Produktpass. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen modellgleiche Produkte, chargenbasierte Serien oder individuelle Einzelstücke vertreibt. Während Stahl oder Batterien oft mit wenigen Passvarianten auskommen, steigt die Komplexität bei breiten Sortimenten oder stark variierenden Produkten erheblich. Auch die Produktionsmenge spielt eine zentrale Rolle. Kleine Stückzahlen lassen sich organisatorisch anders handhaben als Massenfertigungen mit hoher Taktung. Je größer die Menge, desto höher sind die Anforderungen an Automatisierung und Datenkonsistenz. Hinzu kommt die Sortimentsbreite: Unternehmen, die mehrere Warengruppen bedienen, müssen oft unterschiedliche regulatorische Anforderungen parallel berücksichtigen - ein Faktor, der den Implementierungsaufwand erheblich beeinflusst.

Zinn als kritischer Rohstoff

Stannol verarbeitet jährlich rund 1.000 Tonnen Zinn - ein Rohstoff, dessen Gewinnung global stark konzentriert ist und häufig mit ökologischen und sozialen Risiken verbunden ist. Abbaugebiete in Indonesien, dem Kongo oder Brasilien stehen regelmäßig wegen Umweltzerstörung, politischer Instabilität oder intransparenter Lieferketten in der Kritik. Vor diesem Hintergrund hat Stannol frühzeitig eine eigene Rohstoffstrategie entwickelt. Auf Basis eines ESG-orientierten Kriterienkatalogs wurden potenzielle Bezugsquellen systematisch bewertet. "Eine Mine, bei der wir zu hundert Prozent sagen können, das ist top, ist San Rafael   der Bergbaufirma Minsur   in Peru", so Lomp. "Deswegen sind wir noch einen anderen Weg gegangen, weil das auch von der CO2-Bilanz viel besser ist - das sogenannte recycelte Zinn", erklärt Lomp. Heute stammen die eingesetzten Zinnmengen ausschließlich aus Recyclingquellen oder aus der peruanischen Mine.

Daten waren da - nur nicht vernetzt

Der Einstieg in das Thema Digitaler Produktpass erfolgte bei Stannol nicht aus regulatorischem Druck heraus, sondern aus einem technischen und organisatorischen Impuls. Bereits seit Jahren erhebt das Unternehmen umfangreiche Prüf-, Labor- und Qualitätsdaten, unter anderem aus Produkthaftungs- und Sicherheitsanforderungen.

Ingo Lomp, Prokurist bei Stannol (Bild: Stannol)
Ingo Lomp, Prokurist bei Stannol

"Alle technischen Daten haben wir eigentlich schon lange vorliegen", sagt Lomp. "Wir machen einen extrem hohen Prüfaufwand auf unsere Produkte." Gleichzeitig mussten für viele Kunden regelmäßig umfangreiche Dokumentationen manuell bereitgestellt werden.

Der digitale Produktpass wirkt wie ein Querschnitt durch alle Informationsstrukturen eines Unternehmens. Wie schnell man mit dem DPP vorankommt, hängt ganz wesentlich davon ab, wie digital das Unternehmen heute schon aufgestellt ist.
(Thomas Rödding, CEO, Narravero)

Die Idee: Kunden sollten produktbezogene Informationen selbstständig abrufen können - automatisiert, chargenspezifisch und aktuell. "Der Kunde gibt die Artikel- und Chargennummer ein und bekommt dann die relevanten Informationen. Das ist weniger Arbeit für uns und einfacher für den Kunden", so Lomp über den frühen Ansatz.

Von Datenfragmentierung zum Data Lake

Die technische Umsetzung erwies sich jedoch als anspruchsvoll. Die relevanten Informationen waren auf zahlreiche Systeme verteilt: ein über 25 Jahre altes Warenwirtschaftssystem, eine eigenentwickelte Produktionssoftware, ein Labor-Management-System - und sogar manuell eingepflegte Excel-Tabellen.

Ein Pass statt fünf QR-Codes - die regulatorische Logik

Der Digitale Produktpass ist als Antwort auf eine wachsende Regulierungsvielfalt konzipiert. Produkte können gleichzeitig unter mehrere EU-Vorgaben fallen - etwa Ökodesign, Batterierecht, Spielzeugsicherheit oder Verpackungsverordnung. Ziel des DPP ist es, diese Anforderungen in einer einheitlichen digitalen Struktur zusammenzuführen. Dieser Ansatz vermeidet nicht nur eine redundante Dokumentation, sondern auch widersprüchliche Informationsstände. Statt paralleler Systeme entsteht ein konsolidierter Datenraum, der je nach Bedarf unterschiedliche regulatorische Perspektiven abbilden kann. Die EU verfolgt damit erstmals einen übergreifenden Digitalansatz, der regulatorische Anforderungen nicht isoliert denkt, sondern systematisch zusammenführt, ein Novum in der europäischen Produktregulierung.


Da sich die Einführung eines neuen ERP-Systems noch in der Projektphase befindet, entschied sich Stannol für eine Übergangslösung. Es wurde ein zentraler Data Lake aufgebaut, der alle relevanten Informationen sammelt und an einen externen Web-Provider ausspielt. Auf Anfrage erzeugt das System eine temporäre, chargenspezifische Produktseite. Dieser Ansatz ist auch aus SEO-Sicht notwendig: Bei jährlich über 20.000 Chargen würde eine statische Seitenstruktur die Website massiv verlangsamen.

Thomas Rödding, CEO der DPP-Agentur Naraverro (Bild: Narravero)
Thomas Rödding, CEO der DPP-Agentur Naraverro

Pflicht erfüllen - und Mehrwert schaffen

Der Digitale Produktpass ist mehr als ein Compliance-Instrument. Neben verpflichtenden Angaben eröffnet er Unternehmen die Möglichkeit, freiwillige Inhalte zu integrieren, etwa Bedienungsanleitungen, Reparaturhinweise oder Serviceangebote. So wird der DPP zum dauerhaften Kontaktpunkt zwischen Produkt, Marke und Nutzer. Diese Offenheit ist politisch gewollt: Die EU definiert einen Pflichtkern, lässt darüber hinaus aber bewusst Spielraum für unternehmerische Gestaltung. Dadurch kann der Produktpass an unterschiedliche Branchen, Markenstrategien und Kundenerwartungen angepasst werden. Gerade nach dem Kauf entfaltet der DPP sein Potenzial: Er ersetzt verlorene Bedienungsanleitungen, vereinfacht Reparaturen und ermöglicht neue Service- und Kommunikationsmodelle entlang des gesamten Produktlebenszyklus.


Online-Shops und -Marktplätze in der Mitverantwortung

Mit dem Digitalen Produktpass rücken nicht nur Hersteller, sondern auch Online-Shops und digitale Marktplätze stärker in die Verantwortung. Zwar bleibt die inhaltliche Richtigkeit der Produktdaten beim Hersteller, doch Händler und Plattformen sind verpflichtet, den Produktpass für Verbraucherinnen und Verbraucher zugänglich zu machen - insbesondere im Online-Vertrieb. Damit verändert sich die Rolle des E-Commerce grundlegend. Produktinformationen sollen nicht erst nach dem Kauf, sondern bereits im Entscheidungsprozess verfügbar sein. Der Digitale Produktpass wird damit Teil der digitalen Verkaufsumgebung und ergänzt klassische Produktbeschreibungen um regulatorisch geprüfte Informationen. Besonders relevant ist dieser Ansatz für internationale Marktplätze. Der DPP ermöglicht es Zoll- und Marktüberwachungsbehörden, Produkte bereits an der Grenze digital zu prüfen. Plattformen, die Produktpässe nicht korrekt einbinden, riskieren damit nicht nur rechtliche Konsequenzen, sondern auch Einschränkungen beim Marktzugang innerhalb der EU.

Was der digitale Produktpass bei Stannol enthält

Der DPP bei Stannol umfasst sowohl technische als auch nachhaltigkeitsbezogene Informationen. Dazu zählen unter anderem:
  • detaillierte Materialanalysen der Lote, Lotpasten, Flussmittel und Lötdrähte
  • Herkunft der einzelnen Legierungselemente
  • Recyclingquoten bei Metallen und Kunststoffen
  • Product Carbon Footprint inklusive Transportemissionen
  • Sicherheits- und technische Datenblätter
  • perspektivisch Informationen zu Rückführung und Recycling
"Früher waren die Kaufargumente Preis, Lieferzeit und Qualität", sagt Lomp. "Heute erweitert sich das ganz klar um das Thema Herkunft." Deshalb hält das Unternehmen an seinem Ansatz fest - obwohl Stannol derzeit gesetzlich noch nicht zur Einführung eines Digitalen Produktpasses verpflichtet ist. Der geplante Launch wurde zwar mehrfach verschoben - unter anderem aufgrund technischer Herausforderungen und begrenzter Ressourcen -, doch für Lomp ist klar: Qualität geht vor Geschwindigkeit. "Es nützt nichts, mit halbgaren Sachen rauszugehen", betont er. Der aktuelle Stand: Rund 95 Prozent des Systems sind umgesetzt, die letzten Schritte betreffen vor allem Gestaltung und Nutzerführung. Der Go-Live ist für das erste Quartal vorgesehen.

Ein digitaler Produktpass muss revisionsfest sein. Es muss nachvollziehbar bleiben, wer wann welche Information geändert hat - auch noch Jahre später.
(Thomas Rödding, Narravero)

Langfristig soll der DPP direkt am Produkt verfügbar sein - per QR-Code auf dem Etikett. "Man scannt den Code und bekommt alle relevanten Informationen auf das Mobilgerät", beschreibt Lomp das Zielbild. Auch intern bedeutet das Veränderung: Hunderte Etiketten müssen neu gedacht werden - inklusive Platz für einen zusätzlichen Quadratzentimeter Transparenz.

QR-Code oder NFC - wie der Produktpass ans Produkt kommt

Damit der Digitale Produktpass nutzbar ist, braucht er eine physische Verbindung zum Produkt. In der Praxis haben sich dafür zwei Technologien etabliert: QR-Codes und NFC-Chips. QR-Codes sind kostengünstig, visuell sichtbar und leicht integrierbar - etwa auf Verpackungen oder Hangtags. NFC-Chips hingegen sind unsichtbar, langlebig und direkt im Produkt verbaubar. Welche Technologie zum Einsatz kommt, hängt stark vom Produkt ab. Während QR-Codes bei Verpackungen oder kurzlebigen Produkten sinnvoll sind, eignen sich NFC-Chips besonders für Textilien, Schuhe oder langlebige Gebrauchsgüter, bei denen der Kontaktpunkt auch nach dem Kauf erhalten bleiben soll. Technisch entscheidend ist nicht der Datenträger selbst, sondern der dahinterliegende Datenraum. Der Code oder Chip fungiert lediglich als Schlüssel, der den Zugang zu einem dynamischen, fortschreibbaren Produktpass ermöglicht, unabhängig davon, wie oft oder von wem er genutzt wird.

Sanktionen, Marktüberwachung und digitale Kontrolle

Der Digitale Produktpass ist kein freiwilliges Transparenzinstrument, sondern Teil eines verbindlichen Kontrollsystems. Fehlen vorgeschriebene Angaben oder entsprechen Produkte nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen, drohen Sanktionen. Diese reichen von der Aufforderung zur Nachbesserung bis hin zum Marktausschluss, wenn grundlegende Sicherheits- oder Umweltauflagen nicht erfüllt sind. Die Überprüfung erfolgt nicht zentral aus Brüssel, sondern über nationale Marktüberwachungsbehörden und den Zoll. Gerade an den EU-Außengrenzen spielt der Digitale Produktpass eine zentrale Rolle: Produkte müssen dort bereits digital prüfbar sein, bevor sie in den europäischen Binnenmarkt gelangen. Der entscheidende Unterschied zur bisherigen Praxis liegt in der Skalierbarkeit der Kontrolle. Digitale Produktpässe erlauben automatisierte Prüfungen großer Datenmengen - eine Voraussetzung, um auch hohe Importvolumina effektiv zu überwachen. Der DPP wird damit zum Schlüssel für eine neue, datenbasierte Marktaufsicht in der EU.

Der Produktpass als Lebensakte

Entgegen der intuitiven Vorstellung ist der Digitale Produktpass kein statisches Dokument. Er begleitet ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg und wird fortlaufend aktualisiert - etwa bei Reparaturen, Austausch von Komponenten oder Recycling. Damit verändert sich auch der Blick auf Produkte grundlegend: Identische Modelle entwickeln individuelle Nutzungsgeschichten, die im DPP dokumentiert werden können. Besonders bei langlebigen oder reparierbaren Produkten wird diese Differenzierung relevant. Für Kreislaufwirtschaft und Wiederverwertung eröffnet dieser Ansatz neue Möglichkeiten: Informationen über Zustand, Materialzusammensetzung oder ausgetauschte Bauteile können gezielt genutzt werden, statt Produkte pauschal zu entsorgen.

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