26.01.2026 - Rohstoffherkunft, CO2-Werte, Recyclingquoten: Der Digitale Produktpass zwingt Unternehmen zur Transparenz. Der mittelständische Lötmittelhersteller Stannol zeigt, warum frühes Handeln strategische Vorteile bringt.
von Christian Gehl
Der Digitale Produktpass (DPP)
gilt als eines der zentralen Instrumente der europäischen Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsstrategie. Ab Februar 2027 wird er nach und nach für zahlreiche Produktkategorien nötig, beginnend mit Industriebatterien und bis 2030 gefolgt etwa von Bekleidung, Reifen, Aluminium, Spielzeug, Möbel und Zement - wobei vielfach die exakten Spezifikationen noch ausstehen. Während die meisten Unternehmen laut einer aktuellen Studie
der Softwarefirma Forterro
gar nicht wissen, was mit dem Digitalen Produktpass auf sie zukommt, hat sich der mittelständische Lötmittelhersteller Stannol
bereits frühzeitig auf den Weg gemacht, produktbezogene Informationen systematisch zu digitalisieren, zusammenzuführen und kundenindividuell bereitzustellen.
Der Digitale Produktpass (DPP) ist kein isoliertes IT-Projekt, sondern greift tief in bestehende Daten- und Organisationsstrukturen ein. Er bündelt Produkt-, Fertigungs- und Unternehmensdaten, die in vielen Betrieben bislang fragmentiert oder analog vorliegen. Wie schnell ein Unternehmen einen DPP umsetzen kann, hängt daher maßgeblich vom bestehenden Digitalisierungsgrad ab. Wer bereits mit strukturierten Produktinformationssystemen arbeitet, liegt schon mal weit vorn. Unternehmen hingegen, deren Daten in Insellösungen oder gar einzelnen Dateien liegen, müssen zunächst grundlegende Voraussetzungen schaffen. Der DPP wirkt damit wie ein Lackmustest für den digitalen Reifegrad von Unternehmen. Er zwingt sie dazu, Datensilos aufzubrechen und Informationen konsistent verfügbar zu machen - nicht nur für regulatorische Zwecke, sondern auch für interne Prozesse.
Nicht jedes Produkt erfordert denselben Aufwand beim Digitalen Produktpass. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen modellgleiche Produkte, chargenbasierte Serien oder individuelle Einzelstücke vertreibt. Während Stahl oder Batterien oft mit wenigen Passvarianten auskommen, steigt die Komplexität bei breiten Sortimenten oder stark variierenden Produkten erheblich. Auch die Produktionsmenge spielt eine zentrale Rolle. Kleine Stückzahlen lassen sich organisatorisch anders handhaben als Massenfertigungen mit hoher Taktung. Je größer die Menge, desto höher sind die Anforderungen an Automatisierung und Datenkonsistenz. Hinzu kommt die Sortimentsbreite: Unternehmen, die mehrere Warengruppen bedienen, müssen oft unterschiedliche regulatorische Anforderungen parallel berücksichtigen - ein Faktor, der den Implementierungsaufwand erheblich beeinflusst.
"Alle technischen Daten haben wir eigentlich schon lange vorliegen", sagt Lomp. "Wir machen einen extrem hohen Prüfaufwand auf unsere Produkte." Gleichzeitig mussten für viele Kunden regelmäßig umfangreiche Dokumentationen manuell bereitgestellt werden.
Die Idee: Kunden sollten produktbezogene Informationen selbstständig abrufen können - automatisiert, chargenspezifisch und aktuell. "Der Kunde gibt die Artikel- und Chargennummer ein und bekommt dann die relevanten Informationen. Das ist weniger Arbeit für uns und einfacher für den Kunden", so Lomp über den frühen Ansatz.
Der Digitale Produktpass ist als Antwort auf eine wachsende Regulierungsvielfalt konzipiert. Produkte können gleichzeitig unter mehrere EU-Vorgaben fallen - etwa Ökodesign, Batterierecht, Spielzeugsicherheit oder Verpackungsverordnung. Ziel des DPP ist es, diese Anforderungen in einer einheitlichen digitalen Struktur zusammenzuführen. Dieser Ansatz vermeidet nicht nur eine redundante Dokumentation, sondern auch widersprüchliche Informationsstände. Statt paralleler Systeme entsteht ein konsolidierter Datenraum, der je nach Bedarf unterschiedliche regulatorische Perspektiven abbilden kann. Die EU verfolgt damit erstmals einen übergreifenden Digitalansatz, der regulatorische Anforderungen nicht isoliert denkt, sondern systematisch zusammenführt, ein Novum in der europäischen Produktregulierung.
Der Digitale Produktpass ist mehr als ein Compliance-Instrument. Neben verpflichtenden Angaben eröffnet er Unternehmen die Möglichkeit, freiwillige Inhalte zu integrieren, etwa Bedienungsanleitungen, Reparaturhinweise oder Serviceangebote. So wird der DPP zum dauerhaften Kontaktpunkt zwischen Produkt, Marke und Nutzer. Diese Offenheit ist politisch gewollt: Die EU definiert einen Pflichtkern, lässt darüber hinaus aber bewusst Spielraum für unternehmerische Gestaltung. Dadurch kann der Produktpass an unterschiedliche Branchen, Markenstrategien und Kundenerwartungen angepasst werden. Gerade nach dem Kauf entfaltet der DPP sein Potenzial: Er ersetzt verlorene Bedienungsanleitungen, vereinfacht Reparaturen und ermöglicht neue Service- und Kommunikationsmodelle entlang des gesamten Produktlebenszyklus.
Mit dem Digitalen Produktpass rücken nicht nur Hersteller, sondern auch Online-Shops und digitale Marktplätze stärker in die Verantwortung. Zwar bleibt die inhaltliche Richtigkeit der Produktdaten beim Hersteller, doch Händler und Plattformen sind verpflichtet, den Produktpass für Verbraucherinnen und Verbraucher zugänglich zu machen - insbesondere im Online-Vertrieb. Damit verändert sich die Rolle des E-Commerce grundlegend. Produktinformationen sollen nicht erst nach dem Kauf, sondern bereits im Entscheidungsprozess verfügbar sein. Der Digitale Produktpass wird damit Teil der digitalen Verkaufsumgebung und ergänzt klassische Produktbeschreibungen um regulatorisch geprüfte Informationen. Besonders relevant ist dieser Ansatz für internationale Marktplätze. Der DPP ermöglicht es Zoll- und Marktüberwachungsbehörden, Produkte bereits an der Grenze digital zu prüfen. Plattformen, die Produktpässe nicht korrekt einbinden, riskieren damit nicht nur rechtliche Konsequenzen, sondern auch Einschränkungen beim Marktzugang innerhalb der EU.
Langfristig soll der DPP direkt am Produkt verfügbar sein - per QR-Code auf dem Etikett. "Man scannt den Code und bekommt alle relevanten Informationen auf das Mobilgerät", beschreibt Lomp das Zielbild. Auch intern bedeutet das Veränderung: Hunderte Etiketten müssen neu gedacht werden - inklusive Platz für einen zusätzlichen Quadratzentimeter Transparenz.
Damit der Digitale Produktpass nutzbar ist, braucht er eine physische Verbindung zum Produkt. In der Praxis haben sich dafür zwei Technologien etabliert: QR-Codes und NFC-Chips. QR-Codes sind kostengünstig, visuell sichtbar und leicht integrierbar - etwa auf Verpackungen oder Hangtags. NFC-Chips hingegen sind unsichtbar, langlebig und direkt im Produkt verbaubar. Welche Technologie zum Einsatz kommt, hängt stark vom Produkt ab. Während QR-Codes bei Verpackungen oder kurzlebigen Produkten sinnvoll sind, eignen sich NFC-Chips besonders für Textilien, Schuhe oder langlebige Gebrauchsgüter, bei denen der Kontaktpunkt auch nach dem Kauf erhalten bleiben soll. Technisch entscheidend ist nicht der Datenträger selbst, sondern der dahinterliegende Datenraum. Der Code oder Chip fungiert lediglich als Schlüssel, der den Zugang zu einem dynamischen, fortschreibbaren Produktpass ermöglicht, unabhängig davon, wie oft oder von wem er genutzt wird.
Entgegen der intuitiven Vorstellung ist der Digitale Produktpass kein statisches Dokument. Er begleitet ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg und wird fortlaufend aktualisiert - etwa bei Reparaturen, Austausch von Komponenten oder Recycling. Damit verändert sich auch der Blick auf Produkte grundlegend: Identische Modelle entwickeln individuelle Nutzungsgeschichten, die im DPP dokumentiert werden können. Besonders bei langlebigen oder reparierbaren Produkten wird diese Differenzierung relevant. Für Kreislaufwirtschaft und Wiederverwertung eröffnet dieser Ansatz neue Möglichkeiten: Informationen über Zustand, Materialzusammensetzung oder ausgetauschte Bauteile können gezielt genutzt werden, statt Produkte pauschal zu entsorgen.
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