Die K5 in Berlin: Allein gegen Asien- und den Algorithmus-Commerce

10.06.2026 - Die deutsche ECommerce-Branche sucht in Berlin nach Wegen, um nicht zwischen China-Plattformen und KI-Commerce zerrieben zu werden. Die K5 wird zum Orientierungsevent. Fünf Trends.

von Sebastian Halm

Es sind noch knapp zwei Wochen bis zur K5   in Berlin, wo die drei großen Themen KI, Agenten und die ECommerce-Konkurrenz aus China sein werden. Im Vergleich zu den nach Zehntausendern zählenden OMR   und DMEXCO   hat die K5 traditionell eher moderate Besucherzahlen, besitzt aber auch einen entsprechenden Ruf als eher konstruktiv-kuschelig orientierte Messe und weniger als global-besuchter, pompöser Marketingnabel der Welt. Wie die Dmexco ist sie indes mit einem jährlich wechselnden Motto ausgestattet, branchenüblich auf Englisch, aber im Jahr 2026 eher bescheiden aufgestellt: "Learn from the best" heißt es dieses Jahr in Berlin, vor zwei Jahren dagegen noch "Be the best" und wiederum zwei Jahre davor noch martialisch "Transform or die".

Verbal ist also eher Abrüstung angesagt. Neu dagegen ist eine Bühne, das AI Auditorium, das sich ausschließlich mit den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Handel, Marketing und Unternehmensorganisation beschäftigt. Das weitere Programm listet rund 250 Speaker auf drei Hauptbühnen (zum Größenvergleich: die Online Marketing Rockstars und die Dmexco haben 700 bis 800). Auf der Future Retail Stage werden Branchenvertreter von Adidas, Zalando, About You, Flaconi, Amazon oder TikTok über aktuelle Entwicklungen und Strategien diskutieren - Hauptthemen werden sein: Was tun mit den vermaledeiten Agenten, was kann KI und wie gehen wir mit der Konkurrenz der asiatischen Billig-Plattformen um? Darüber hinaus werden Themen wie Health & Longevity, Re-Commerce, Nachhaltigkeit und internationale Expansion behandelt. Eine 'Deep Dive Stage' wiederum widmet sich "praxisnahen Themen wie Marketing, Retail Media, Marktplätzen, D2C-Geschäftsmodellen und digitaler Transformation".

K5 Future Retail Conference 2026

Termin: 23. und 24. Juni 2026

Ort: Estrel Berlin (ECC), Berlin-Neukölln

Besucher: rund 5.000 E-Commerce- und Retail-Entscheider vor Ort

Speaker: über 250 Speaker auf mehreren Bühnen

Aussteller/Partner: 205 Anbieter und Aussteller

Programm: zwei Main Stages, neue AI Stage, drei Expo Stages und über 50 Masterclasses


Zur ersten K5 in 2012 kamen noch 800 Menschen, und auch wenn sich die Messe seitdem mehr als verfünffacht hat, genießt sie anders als die zweckorientiert und um Bedeutung bemühte Dmexco oder die stets etwas überfeierte OMR ein eher nett sympathisches Image: In den Medien fallen gerne Adjektive wie nahbar und familiär, obwohl sie inzwischen zu den größten ECommerce-Gipfeltreffen im DACH-Raum gehört. Die Dmexco dagegen fällt immer wieder mit leicht unentspannten Bemühungen auf, die Besucherzahlen aufzublasen, die OMR setzt auf Promis und Rausch (und manchmal einen Promi, der im Messe-Rausch dann Stuss erzählt   ), derweil sich die Hamburger über verstopfte Tunnel und Straßen sowie überteuerte Hotels aufregen, wenn die Messe die Stadt ereilt. Aber man kann es nicht allen Recht machen, klaro. Auf der K5 wird man weniger fündig, wenn man live dabei sein will, wie sich Speaker auf der Bühne das eigene Karriere-Aus herbeiquatschen - das ist weniger unterhaltsam, aber dafür solider.

Unternimmt man den Versuch mal zu clustern, was man auf einer K5 an Ausstellern zu sehen bekommt, erhält man eine Handvoll Schwerpunkte - ganz vorne sind Dienstleister und Shopsysteme dabei, die sich den Onlinehändlern als Partner empfehlen, es folgen Services für Shops wie etwa Payment.
Aussteller Repräsentanz Beispiele
Shopsysteme & Commerce-Plattformen sehr stark Salesforce   , Shopify   , commercetools   , SCAYLE   , Emporix   , JTL   , Shopware  
PIM, Product Experience, Content stark Akeneo   , Atamya   , Otto Group one.O   , priint  
Payment, Checkout, Trust, Loyalty stark PayPal   , Ratepay   , Mollie   , Unzer     , Trusted Shops   , Payback  
Agenturen, Integratoren, Beratung sehr stark Reply   , Arvato Systems   , TOWA   , Unic   , forbeyond   , Medienwerft  
Marketing, CRO, Personalisierung, CRM, Retail Media stark trbo     , ODOSCOPE   , Payback   , Salesforce  
Daten, Analytics, KI, Automatisierung stark, oft nicht klar einem Bereich zuzuordnen minubo   , Otto Group one.O  
Marketplace, Plattformgeschäft, Internationalisierung mittel bis stark Mirakl   , Shein   -/China-/Asia-Themen
Logistik, Fulfillment, Operations, ERP mittel Arvato Systems   u. a.

Bei den Rednern schafft es die K5, zahlreiche Speaker von großen ECommerce-Unternehmen an Land zu ziehen, sie bilden den Hauptanteil der Redner in Berlin und zeigen, dass die K5 hier vor allem mit Anwendern und Praktikern glänzen will - das Motto, von den Besten lernen zu wollen, so muss man also ehrlich zugeben, wird also durchaus mit Inhalten gefüllt.

Speaker-Cluster Repräsentanz Beispiele
Große Händler & Plattformen sehr stark OTTO   , Zalando   , Amazon   , eBay   , About You   , CECONOMY   , Conrad  
Marken & Hersteller mit D2C-/E-Commerce-Fokus sehr stark Adidas   , HUGO BOSS   , Weleda   , Philips   , Montblanc   , Falke   , VAUDE   , bonprix  
D2C-, Startup- & Challenger-Brands stark Glow25   , Sunday Natural   , InnoNature   , Löwenzahn Organics   , Pumpkin Organics   , BLACKROLL   , MoleQlar  
Marketplaces, Social Commerce & Internationalisierung stark SHEIN Marketplace   , TikTok Shop   , Walmart International   , bol   , Allegro   , Veepee   , China Digital Retail Report  
KI, Daten, Technologie & digitale Transformation stark OpenAI   , PAYBACK AI Enablement, Affenzahn Data & AI, Otto AI Enablement, ShopAgentic  
Beratung, Agenturen & Commerce-Expertise mittel bis stark Etribes   , Commerce Advisory Network   , OCC   , ECC Köln   , ECC NEXT   , team one  
Food, FMCG & Nachhaltigkeit mittel REWE   , Transgourmet   , Too Good To Go   , Greenforce-Kontext, Weleda
Medien, Hosts, Podcasts & Moderation stark begleitend Kassenzone   , Exciting Commerce   , digital kompakt   , K5   , wieCommerce?  
Operations, Logistik & B2B-Commerce mittel GLS Germany   , everstox   , Soennecken   , DF Automotive   , STEIN HGS Gruppe  

Interessant ist dabei: Die K5 2026 beschäftigt sich deutlich weniger mit klassischen Themen wie Shopsystem-Migration oder Conversion-Optimierung und deutlich stärker mit der Frage, wie Commerce in einer KI- und Plattformwelt künftig funktioniert. Fünf Trends kristallisieren sich dabei heraus.

1. Agentic Commerce und Künstliche Intelligenz

Das beherrschende Thema der diesjährigen K5 ist die nächste Evolutionsstufe von KI im Handel: die KI-Agenten. Sie sollen künftig Produktsuche, Beratung und sogar Kaufentscheidungen übernehmen - irgendwie muss man jetzt noch den skeptischen NutzerInnen weismachen, dass ihr Glück in den automatisierten Lösungen liegt. Damit verlagert sich die Aufmerksamkeit von klassischen Shop-Oberflächen hin zu strukturierten Produktdaten, intelligenten Schnittstellen und automatisierten Commerce-Prozessen - ob das im Interesse der Händler ist, die damit die Einflusssphäre der eigenen Seite an die US-Konzerne und deren Bots verlieren, wird sicherlich auch Gesprächsthema sein - sollte es zumindest. KI wird indes grundsätzlich weniger als eigenständige Disziplin verstanden, sondern als Querschnittstechnologie für nahezu alle Bereiche des E-Commerce.

2. Social Commerce wird zum Vertriebskanal

Plattformen wie TikTok   haben sich unter mächtigen Anstrengungen vom Marketinginstrument zum Verkaufskanal entwickelt - mit unterschiedlichem Erfolg. Themen wie Creator Commerce, Livestream-Shopping und Influencer-getriebene Kaufprozesse gehören deshalb zu den wichtigsten Diskussionspunkten der Messe. Händler beschäftigen sich inzwischen nicht mehr wirklich mit der Frage, ob Social Commerce relevant ist, sondern wie sich daraus nachhaltig Umsatz generieren lässt.

3. Asia Speed als Innovationsmotor

Unter dem an eine Frankfurter Designer-Droge gemahnenden Titel "Asia Speed" richtet sich der Blick auf die dynamischen Handelsmodelle aus China und Südostasien. Plattformen wie TikTok, SHEIN oder andere asiatische Marktteilnehmer gelten vielen Branchenvertretern als Vorbilder für neue Formen von Kundenansprache, Social Commerce und datengetriebenem Handel. Die zentrale Frage lautet, welche Erfolgsmodelle sich auf europäische Märkte übertragen lassen.

4. Retail Media: Der Kunde und seine Daten werden eigenständiges Geschäftsfeld

Immer mehr Händler entdecken ihre Reichweite und Kundendaten als zusätzliche Erlösquelle. Retail Media entwickelt sich dadurch von einem Nischenthema zu einem strategischen Wachstumsfeld. Große Handelsunternehmen bauen eigene Werbeplattformen auf und treten zunehmend in Konkurrenz zu klassischen Digitalwerbeanbietern.

5. Effizienz statt Wachstum um jeden Preis

Nach Jahren, in denen Marktanteile und Wachstum im Vordergrund standen, konzentrieren sich viele Unternehmen heute auf Profitabilität und Produktivität. Automatisierung, Prozessoptimierung und der gezielte Einsatz von Daten soll helfen, Kosten zu senken und bestehende Geschäftsmodelle effizienter zu gestalten. Die K5 zeigt damit einen Markt, der sich zunehmend über technologische Exzellenz und operative Leistungsfähigkeit definiert.

Insgesamt vermittelt die K5 2026 das Bild einer Branche, die sich mitten im Wandel befindet. Während klassische Themen wie Shopsysteme oder Payment weiterhin relevant bleiben, werden die Debatten vor allem von KI, Social Commerce, asiatischen Innovationsmodellen, Retail Media und Effizienzsteigerung geprägt.

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Diskussion:

Vorträge zum Thema:

  • Bild: Leon Eichner
    Leon Eichner
    (EHI Retail Institute)

    Wenn der Agent mitentscheidet - Warum Vertrauen zum Erfolgsfaktor im Agentic Commerce wird

    Agentic Commerce verändert, wie Kaufentscheidungen im Internet vorbereitet und getroffen werden. Neben Menschen übernehmen zunehmend KI-Agenten die Produktsuche, den Vergleich von Angeboten und Teile des Kaufprozesses.Die aktuelle EHI-Studie zu Agentic Commerce zeigt, dass 86,1 Prozent der befragten Handelsunternehmen es für wahrscheinlich halten, dass KI-Agenten künftig Kaufentscheidungen ihrer Kundschaft beeinflussen. Gleichzeitig wird der Aufbau von Vertrauen und Akzeptanz als eine zentrale Herausforderung beschrieben.Der Vortrag zeigt, was diese Entwicklung für Online-Shops bedeutet: Welche Informationen müssen aktuell, konsistent und maschinenlesbar vorliegen? Welche Rolle spielen Transparenz, verlässliche Produkt- und Serviceinformationen, Bewertungen und weitere nachvollziehbare Vertrauenssignale?Am Beispiel des EHI-Siegels wird erläutert, wie Online-Shops Seriosität, geprüfte Qualitäts- und Sicherheitsmerkmale sowie Kundenorientierung sichtbar machen können. Dabei geht es nicht nur um die menschliche Wahrnehmung: In einer zunehmend agentischen Customer Journey wird entscheidend, ob relevante Informationen über einen Shop eindeutig, verlässlich und nachvollziehbar vorliegen. So entsteht die Grundlage dafür, dass ein Angebot von KI-Agenten nicht nur gefunden, sondern auch als relevant und vertrauenswürdig eingeordnet werden kann.

    Vortrag im Rahmen der Transformation des Handels 26 am 21.10.26, 09:00 Uhr

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